| Forschungsbericht 1999-2000 | |
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Institut für Experimentelle Pathologie - ZMBE - Von-Esmarch-Str. 56 48149 Münster Tel. (0251) 83-58511 Fax: (0251) 83-58512 e-mail: RNA.world@uni-muenster.de WWW: http://www-ifi.uni-muenster.de/institu/iepmain.htm Direktor: Prof. Dr. phil. nat. Jürgen Brosius |
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Forschungsschwerpunkte 1999 - 2000
Fachbereich 05 - Medizinische Fakultät Institut für Experimentelle Pathologie - ZMBE Experimentelle Pathologie | |||
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Arbeitsbereich Prof. Dr. Jürgen Brosius
Neuronale BC1 RNA und BC 200 RNA
Unser spezielles Interesse gilt u.a. der BC1 RNA, ein RNA Polymerase III Transkript, welches
ausschließlich in Nagern gefunden wird, sowie der BC200 RNA, eine RNA Polymerase
III Transkript anthropoider Primaten. Diese kurzen zytoplasmatischen nicht-Boten RNAs (152
bzw. 200 nt) sind nicht homolog und entstammen aus zwei unterschiedlichen Vorläufern.
BC1 RNA ist ein Retronuon, welches von tRNAAla nach der Abspaltung der Säuger, aber
vor der Gruppierung der Nager in zwei Unterordnungen, vor ca. 60-110 Millionen Jahren
entstanden ist. In vivo und unter Verwendung von Extrakten des Rattenhirns sind sowohl
Elemente oberhalb der RNA kodierenden Region als auch innerhalb des Genes für eine
effiziente Transkription notwendig. Die RNA kodierende Region enthält neben der von
der tRNA- abstammenden Domäne eine zentrale A-reiche Region von etwa
50 Nukleotiden, eines der Markenzeichen der Retroposition, und etwa
30 Nukleotide einer Sequenz, welche oberhalb des RNA Polymerase III
Transkription Terminators lokalisiert ist. Diese 3' Domäne wurde von einem einzigen
genomischen Ort der Integration rekrutiert, welche in der Maus auf dem Chromosom 7
nahe Fgf3 (1) liegt. BC1 ist das erste identifizierte Master-Gen einer Unterklasse der SINEs,
nämlich der ID repetitiven Elemente der Nager (22-24). Trotz der ca. 75%igen
Sequenzähnlichkeit zwischen tRNAAla und der korrespondierenden Sequenz der BC1
RNA faltet sich diese Domäne nicht wie eine tRNA, sondern formiert eine stabile
Stammschlinge mit einigen internen Loops und Ausbuchtungen. BC200 RNA entstand ebenfalls
durch Retroposition und beinhaltet eine der wenigen transkriptionsaktiven monomeren
Alu-Elemente. Die einzige Genkopie liegt auf dem humanen Chromosom 2p15 (5). Seine 5'
Domäne entspricht der Alu Domäne der SRP RNA und sie bindet das Protein
Dimer SRP 9/14 (6-7) in vitro und in vivo. Die zentrale Domäne ist A-reich,
gefolgt von ungefähr 30 Nukleotiden, welche vom Ort der genomischen
Integration rekrutiert wurde. BC200 RNA wurde in allen untersuchten anthropoiden Primaten
gefunden, einschließlich Neu- und Altweltaffen sowie dem Menschen (8). Da das
BC200 snmRNA kodierende Gen in Halbaffen (Galago, Lemur und Tarsier) fehlt, ist sein Alter
mit 35-55 MYA signifikant jünger, als das seines Analogons aus Nagern (9). Im
humanen Genom ist BC200 das Quellgen von mehr als 200 Pseudogenen (die meisten von
ihnen Retronuons). Trotz ihrer unterschiedlichen Ursprünge könnten BC1 RNA
und BC200 RNA, beide Teil des Ribonukleoproteinkomplexes (RNPs) (10,11), funktionelle
Analoga darstellen, da sie nahezu ausschließlich in Nervenzellen exprimiert werden
(12-18). In Neuronen sind sowohl die BC1 RNA als auch die BC200 RNA, nicht nur in den
Zellkörpern (Soma) sondern auch in distalen Regionen dendritischer Fortsätze
lokalisiert (12,13). Zumindest der Beginn der Expression von Nager BC1 RNA korreliert mit
synaptischer Aktivität (19). In Dendriten können nicht nur ausgewählte
mRNAs gefunden werden, sondern auch alle Komponenten des Translationsapparates (20). Die
lokale Translation dendritischer mRNAs an postsynaptischen Orten wird als ein wichtiger
molekularer Mechanismus in Betracht gezogen, welcher der Wartung und Modulation von
synaptischen Strukturen und Funktionen unterliegt, die wiederum relevant für Prozesse
wie das Lernen und das Gedächtnis sind (21). Wir erforschen im Moment in enger
Zusammenarbeit mit dem Labor von Henri Tiedge an der SUNY Brooklyn, NY, USA, unter
Verwendung biochemischer, transgener Mäuse und zielgerichteter Gendeletionen
(knock-out), die Funktionen dieser ungewöhnlichen RNAs sowie die bestimmenden
Faktoren, welche für die dendritische Lokalisation notwendig sind. Es ist möglich,
dass RNAs im Komplex mit Proteinen als RNPs (10,11) in regulatorische Aspekte
dendritischer Translation verwickelt sind und subtile aber wichtige funktionelle Aufgaben bei
diesen Prozessen ausüben (12-20). Das humane Analogon, BC200 RNA, könnte
eine Rolle bei neuropsychiatrischen Erkrankungen spielen. Zusätzlich fanden wir, dass
BC200 RNA in vielen menschlichen Tumoren disreguliert ist, während sie in
benachbartem normalen Gewebe nicht nachweisbar ist (22).
Identifizierung der kleinen nicht protein-kodierenden, stabilen RNAs (snmRNAs) in der
Zelle
Eines der Ziele der Aufschlüsselung der Sequenz des gesamten humanen Genoms ist die
Identifikation aller Gene. Ein wenig überraschend ist die Tatsache, dass es nur
ca. 30.000 Gene beinhaltet, kaum 50% mehr als bei dem Nemathoden Caenorhabditis
elegans und fast identisch zu der Anzahl bei anderen Wirbeltieren, wie dem Pufferfisch Fugu,
mit dem wir einen Vorfahren vor mehr als einer halben Billionen Jahren teilen. Wegen des
Vorhandenseins offener Leserahmen, Spleißstellensignalen und anderer Kennzeichen, ist
es verhältnismäßig unkompliziert, Gene zu identifizieren, die Proteine
verschlüsseln. Dies ist der Grund, warum es nicht zu viel Hoffnung gibt, dass die Zahl
menschlicher Gene noch erheblich steigen wird. Die Bemühungen, die Proteine
kodierenden Gene durch Komplementäranalysen aus mRNA-abgeleiteten cDNA Klonen
zu identifizieren (genannt ESTs, expressed sequence tags) ist für die Interpretation der
Humangenomsequenzdaten sehr wertvoll. Dieser Versuchsansatz ist auch deshalb in hohem
Maße bedeutend, da ein großer Grad an Varianten mit einer begrenzten Anzahl von
Genen erzielt wird, z.B. durch alternatives Spleißen gleicher Vorläufer hnRNA
(s.o.). Bei den Wirbeltieren gibt es mehr Variationsmöglichkeiten hinsichtlich
alternativer Spleißstellenmuster (einschließlich der Rekrutierung von neuen Exons
aus Introns und anderen nicht kodierenden Regionen (6, 23-26, 27)) als durch bloße
Erhöhung der Genzahlen. Dies ist einer der Gründe für die Bedeutung von
ESTs. Es ist fast unmöglich, nicht-kodierende RNAs einschließlich der meisten
snmRNAs allein aus einer genomischen Sequenz vorauszusagen(28). Eine experimentelle
Annäherung ist obligatorisch. Wir adaptierten einen EST-ähnlichen Versuchsansatz
für kleine RNAs und legten Bibliotheken mit Gesamt-RNA vom Mäusegehirn in
der Größenordnung von ~50-500 Nukleotiden an. Wie erwartet, stammten
mehr als 90% der Sequenz - wir benannten sie ERNS für expressed RNA
sequences - von bekannten, reichlich vorhandenen snmRNAs wie 5S und 5.8S rRNA ab.
Folglich applizierten wir die Bibliotheken auf Filter (gemeinsam mit Hans Lehrach und
Mitarbeitern, Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, Berlin) und hybridisierten sie
mit Proben, die von bekannten snmRNAs abstammten. Anschließend sequenzierten wir
nur Klone mit geringem oder keinem Hybridationssignal. Bis jetzt identifizierten wir auf diese
Weise mehr als 200 ERNS, welche möglicherweise neuen snmRNAs entsprechen (31).
Z.B. entdeckten wir 113 neue kleine Nukleolar-RNAs (snoRNAs) sowohl von der Unterklasse
der Box C/D als auch der Box H/ACA, bekannt als guide RNAs für rRNA. (Die Analyse
von ERNS erfolgt gemeinsam mit der Gruppe um Jean-Pierre Bachelleries bei CNRS,
Toulouse.) Während nur 30 ERNS Mäusehomologa schon identifizierter
menschlicher C/D oder H/ACA snoRNAs darstellen, entsprechen 83 völlig neuen
snoRNAs. Bis vor kurzem war die einzige bekannte Funktion von snoRNAs die direkte
Methylierung oder Pseudouridylierung von ribosomalen RNAs. Die meisten der 83 neuen
ERNS erfüllten diese Erwartung insofern, als dass nach unserer Entdeckung von 24 neuen
rRNA-Methylierungs-guide snoRNAs, nur 14 der 105-107 Ribosemethylierungen der
Säugetier-rRNAs auch weiterhin ohne eine bekannte verwandte Antisense Box C/d
snoRNAs bleiben. Wir identifizierten darüber hinaus auch einige snoRNAs beider
Unterklassen, die möglicherweise als guide RNAs für vorausgesagte
Modifikationen in den U-Typ snRNAs dienen. Die große Überraschung war, dass
25 snoRNAs von jeder Kategorie gefunden wurden, welchen Antisense-Elemente für
rRNAs oder snRNAs fehlten. Folglich müssen zusätzliche snoRNA Ziele
einschließlich anderer nicht-Boten oder sogar Boten RNAs in Betracht gezogen werden.
In Einklang mit der letzten Möglichkeit, werden sechs C-/D Box snoRNAs und eine
H-/ACA Box snoRNA ausschließlich im Gehirn exprimiert (29-30). Eine dieser
snoRNAs (MBII-52 in der Maus beziehungsweise menschliches HBII-52), zeigt mit 18
Nukleotiden eine Komplementarität zur gehirnspezifischen Serotoninrezeptor 5-HT2C
mRNA (29). Von den restlichen 88 ERNS, die keiner der snoRNA Unterklassen zugeordnet
werden können, werden ca. 30 vermutlich von abgespalteten hnRNAs oder von mRNAs
abstammen. Die restlichen ERNS konnten bisher weder irgendeiner snmRNA Klasse noch
einem Teil einer größeren nRNA/mRNA zugewiesen werden. Es ist
wahrscheinlich, dass zumindest einige dieser 57 ERNS neue, bisher nicht klassifizierte
snmRNAs darstellen. Abgesehen von der Maus als Modellorganismus verwenden wir diesen
Versuchsansatz für die Identifizierung von neuen snmRNAs in Escherichia coli, in
Archaea, in der Hefe, in Caenorhabditis elegans, in Drosophila melanogaster, in Arabidopsis
thaliana und im Menschen. Im Laufe der Zeit wird dies zu Studien über die Struktur,
Expression, Funktion und die Rolle in den genetischen Krankheiten und der Pharmakogenetik
von snmRNAs führen. Drei der sieben gehirnspezifischen snoRNAs werden auf
Chromosom15q11-13, an dem Ort, der mit dem Prader-Willi Syndrom (PWS) in Verbindung
gebracht wird, exprimiert und sind, erstmalig für snmRNAs beschrieben, väterlich
geprägt sowie abwesend in PWS Patienten (29-30). Dieses ist ein starker Hinweis
darauf, dass RNomics für die molekulare Medizin wichtiger zu sein scheint, als je
vorhergesagt.
Veröffentlichungen: |
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Hans-Joachim Peter