Nachgefragt:
Beim Thema Nachhaltigkeit denkt kaum einer an die Geisteswissenschaften. Zu Unrecht! Zukunftsvisionen wären ohne Soziologen, Historiker oder Theologen verkürzt, meint Philosoph Prof. Ludwig Siep.

Prof. Dr. Ludwig Siep
Was bedeutet Nachhaltigkeit im geisteswissenschaftlichen Sinne?
Der Begriff Nachhaltigkeit wird heute in engeren und weiteren Bedeutungen gebraucht. Es geht um den Umgang mit Ressourcen, der zukünftigen Generationen noch genug übrig lässt. Das wird etwa in der Ethik unter dem Stichwort Generationengerechtigkeit behandelt. Nachhaltigkeit wird aber heute sehr weit verstanden im Sinne von dauerhaft und verantwortbar. Der Begriff muss also genau bestimmt und gebraucht werden – eher eine Sache von Philosophen, Juristen und Sprachhistorikern.
Was können Geisteswissenschaftler tun, um drängenden Problemen zu begegnen? Haben sie dabei genügend Einfluss auf die Gesellschaft?
Das Wissenschaftsjahr „Zukunftsprojekt Erde“ hat Themen wie Klima und Bevölkerungswachstum im Blick. Das ist nicht nur naturwissenschaftlich zu lösen: Alles hängt mit Lebens- und Arbeitsweisen sowie Traditionen und Erfahrungen zusammen. Die Zukunft fängt nicht jetzt an, sondern ist bestimmt durch die Natur- und Kulturgeschichte. Ohne die Geisteswissenschaften wäre „Zukunft Erde“ verkürzt. Deren Einfluss halte ich für ausreichend, es gibt viele Beratungsgremien und Ethikkommissionen. Auch in der Öffentlichkeit sind Geisteswissenschaftler immer wieder gefragt.
Welche geisteswissenschaftlichen Disziplinen sind besonders geeignet, Impulse für „Zukunft Erde" zu geben?
Einige der Rechts- und Sozialwissenschaften wie Migrations- oder Konfliktforschung und die angewandte Ethik sind sehr geübt in der Einschätzung von Zukunftsfragen. Wenn man einsieht, dass die Zukunft nicht ohne Erforschung der Vergangenheit zu bewältigen ist, sind eigentlich alle Disziplinen gefragt.
Sind die Geisteswissenschaften vernachlässigt worden, wenn es um Zukunftsfragen und Visionen geht?
In der Forschungsförderung werden sie oft fälschlich als Luxus betrachtet. Zukunftsprobleme werden oft nur als technische oder ökonomische Probleme gesehen. Die Erde aber ist keine Maschine, deren Defekte man behebt. Es geht darum, wie wir in Zukunft leben wollen. Der Umgang mit Denkmodellen und Visionen steht im Zentrum der Geisteswissenschaften.
Redaktion:
Norbert Robers (verantwortlich)
Hanna Dieckmann
Presse- und Informationsstelle
Schlossplatz 2
48149 Münster
Telefon: 0251 83-22232
Telefax: 0251 83-22258
E-Mail: unizeitung@uni-muenster.de

